Kinderüberraschung in rosa? #Ichkaufdasnicht #Ferrerofail
Spannung, Spiel und Schokolade. Um Kinder glücklich zu machen, braucht es manchmal nicht viel und ein Klassiker dieser kurzweiligen süßen Unterhaltung ist damit auch die Kinder-Überraschung von Ferrero.
Das einst genderneutrale Produkt gibt es seit August nun aber aber auch als sogenanntes “Mädchen-Ei”, zusammen mit dem gruseligen Spruch “Ei love rosa”. Und bei Ferrero ist man natürlich stolz darauf, dass es nun Kinder-Überraschungseier für Kinder und für Mädchen gibt:
Der Grund für diese Maßnahme? Erkenntnisse der Markforschung inspirierten kinder Überraschung dazu. Die besagen, dass sich Mädchen heutzutage nicht mehr in nur eine Schublade stecken lassen. Pink und Ponyhof ist ihnen genau so wichtig, wie Fußball und Frauenpower. Eigene Erhebungen haben diesen Trend bestätigt.
Lassen wir uns das noch mal wie Schmelzschokolade auf der Zunge zergehen: Das Unternehmen Ferrero betreibt Marktforschung. Das Unternehmen Ferrero stellt darüber fest, dass Mädchen nicht auf bestimmte Interessensgebiete beschränkt werden können und wollen (!). Das Unternehmen Ferrero schafft es dennoch, ihnen die pinkfarbenste Schublade von allen zu basteln, es Fortschritt zu nennen und zudem das unsägliche Wort Frauenpower zur vermeintlichen Legitimation auszugraben.
Joa, das muss man erst mal schaffen.
Darüber hinaus wird die Innovation “Mädchen-Ei” natürlich nicht nur von außen pinki(n)fiziert, sondern auch der Inhalt beugt sich den Ergebnissen der bahnbrechenden Marktforschung Ferreros:
Ob Blumen-Ringe oder bunte Armbänder mit Tiermotiven – das Basissortiment des Mädchen-Eies hält genauso klassische „Mädchensachen“ bereit, wie auch aktivierende Spielzeuge zum Werfen, Spielen und Malen, Puzzeln und Basteln. Genau die Vielfalt also, die sich die Mädchen von heute wünschen. Und genau die Bandbreite, die Mädchen mädchengerecht anspricht und deren Individualität fördert.
Tja. Ferrero betont nur ein paar Sätze vorher, keine Schubladen verwenden zu wollen und setzt hier allen Ernstes die Bezeichnung “klassische Mädchensachen” ein. Sind damit so Schmankerl wie die furchtbaren Feen aus dem “Winx Club” gemeint, die es exklusiv als Sammelserie in den Eiern geben wird? Figuren, die eine gefährliche sexualisierte Schönheitsnorm vertreten – vielleicht bin ich ja altmodisch, aber warum müssen Feen heutzutage aussehen wie superdünne Stripclub-Angestellte mit Flügeln dran? Figuren, die in ihren lasziven Posen wiederum an Austauschbarkeit nicht zu überbieten sind und damit schon als klassisches Beispiel gelten, wie Mädchen und Frauen durch Medien zu Objekten gemacht werden.
Individualität sehe ich durch derlei Maßnahmen jedenfalls maximal schwinden. Und ganz ehrlich, was war denn an und in dem ursprünglichen Ü-Ei, dass es nicht auch für Mädchen funktioniert hat bzw. ihre vielfältigen Spielbedürfnisse abdeckte? Spielen, Malen, Puzzeln, Basteln – das ging doch auch vorher schon, ohne es pink anzupinseln und Blümchen drauf zu knallen?
Was Ferrero hier getan hat, wird auch als “Othering” bezeichnet, d.h. es gibt zwar die Gruppe der Kinder, aber dadurch, dass Mädchen als eigene Gruppe explizit hervorgehoben werden, sind sie automatisch schon nicht mehr zur ursprünglichen Gruppe dazugehörig. Sie werden in eine Rolle gedrängt, die Mädchen und Frauen allgemein zugeschrieben wird und die sie verinnerlichen lässt, “das Andere” zu sein. Produkte wie das “Mädchen-Ei” dürfen daher schlicht keiner rosafarbene Zukunft (pun totally intended) entgegen blicken. Sie mögen zwar nur einen kleinen Baustein darstellen, doch gehört dieser zu einem riesigen Gefüge, das eben bereits Mädchen (und damit auch Jungs) immer wieder vermittelt, sie müssten auf “Mädchenkram” stehen und dadurch wäre ein gleichwertiges Zusammenleben mit Jungs gar nicht erst möglich. Zumal die Farbe Rosa mittlerweile für ein vor Stereotypen strotzendes Mind-Set steht, das eben weit entfernt davon ist, Mädchen und Frauen auch mal Fußball oder Piraten-Roboter-Zombies zu erlauben, wenn sie Lust drauf haben.
Die britische Kampagne “Pink stinks” (gibt’s übrigens auch auf Deutsch) betreibt gezielte Aufklärungsarbeit zur sogenannten Pinkifizierung und fasst zusammen:
Society continues to peddle the myth that boys and girls are fundamentally different to each other – they aren’t as much as is thought. The real difference is slight and needlessly exploited. Surely there’s nothing more powerfully affirming of the message of difference to a vulnerable child than the excessive segregation of their toys and clothes. Toys and media tell children they can’t converge freely.
Eine Botschaft, die im übrigen nicht nur bei den Kindern selbst ankommt, sondern ebenso von den Eltern aufgenommen wird. Als Zielgruppe, die in der Regel das notwendige Taschengeld für Ü-Eier und dergleichen locker macht, muss ihnen daher genauso verdeutlicht werden, weshalb das Schubladendenken in Rosa und Blau dem Nachwuchs schadet, anstatt ihn zu fördern.
Was ist also zu tun? Trotz relativ aggressiver Außenwerbekampagne für das neue “Mädchen-Ei” gibt es zwar keinen Social-Media-Auftritt dazu, auch nicht zum “klassischen” Ü-Ei. Doch solltet ihr euch bei Ferrero beschweren wollen – ja, ihr wollt und auch gerne mit Bezug auf diesen Blogpost – gibt es alternativ jede Menge Facebook-Präsenzen von anderen Ferrero-Produkten, die sich eurer Kritik bestimmt ebenso gerne annehmen. Ich war mal so frei, diese hier aufzulisten:
Und wer gerne per Mail sagen möchte, wo Ferrero sich rosafarbene Ü-Eier hinstecken kann, darf an presse@ferrero.com schreiben und mitteilen, dass Pinkifizierung für Mädchen niemals Fortschritt bedeutet.
Update (10. August): Diesem Facebook-Thread bei Kinderriegel kann man sich nun auch anschließen und zumindest stellvertretend an das Team dort die Kritik wegen der Ü-Eier loswerden.
Ich bin außerdem schon lange der Meinung, dass wir auch in Deutschland eine Twitterkampagne wie die #Notbuyingit-Kampagne von Miss Representation brauchen. Der Hashtag #Notbuyingit wird dabei dazu benutzt, auf Produkte, Werbung, Firmen und Medien hinzuweisen, die Frauen falsch darstellen oder sie herabwürdigen. Wer über solche Fälle twittert, lässt mit dem entsprechenden Hashtag, #Notbuyingit, also nicht nur das jeweilige Unternehmen oder Medium wissen, dass sie sexistischen Mist gebaut haben, sondern auch zugleich die ganze Followerschaft, dass hierfür kein einziger Cent ausgegeben werden sollte.
Den Hintergrund des englischen Hashtags kennen jedoch nicht so viele und ich sehe ihn in der deutschen Twitterlandschaft auch kaum in Benutzung. Deswegen schlage ich vor, entsprechende Tweets künftig mit einem #Ichkaufdasnicht zu markieren.
In etwa wie: “Ü-Eier in pink? Bei Ferrero dürfen Mädchen alles, aber nur in rosa. #Ichkaufdasnicht”. Nur so ein Vorschlag.